Arbeitsvorhaben Judenburg | Projektarbeit von Mag. Judith Fischer

HINA BERAU
 
ENTWURF EINER GEGEND
Fragmente zu JUDITH FISCHER:
MACULA, MAKULIERT: Das Beutenetz (Installation / Prototyp 2013)
 
(Raumverspannung mit monochromen, eigenhändig
gehäkelten Luftmaschenschnüre in den Farben grün, rot, gelb;
drei Kunststoffnetze in gelb, orange, rot;
neun C-Prints "Macula" je 13x17 cm;
16 makulierte Bücher der Stadtbücherei Judenburg;
ca. 30 Stk. Karteikarten mit Textzitaten
mit Klammern an den Schnüren befestigt;
Fundstücke / zerrissenes Taschentuch & Zeichnung;
1000 teiliges Puzzle / Bücher)
 
Auch die neue Arbeit - genauer gesagt der Prototyp einer Arbeit - von Judith Fischer
beschäftigt sich mit den Themen der Lektüre, des Unheimlichen, der Aufmerksamkeit
und der Frage nach der individuellen Rezeption als künstlerischer Produktion.
Die Installation ist das vorläufige Ergebnis ihrer Recherchen und Erkundigungen
während ihres dreimonatigen Aufenthalts als Artist in Residence in Judenburg.
 
Die künstlerische, produktive Recherche als offener Prozess,
als Prozess der Kumulation und einer offenen "Awareness".
 
Die Residency einer Künstlerin ist ja immer auch physischer Aufenthalt an einem Ort
und Begegnung mit diesem Ort - es ist die Gelegenheit genau an diesem Ort etwas zu tun,
das so nicht an einem anderen Ort getan werden kann. Judith Fischer hat gelesen
und zwar vor allem 16 makulierte Bücher aus der Stadtbücherei Judenburg - Bücher,
die aufgrund verschiedener Kriterien aus der Zirkulation genommen wurden, vorher allerdings
Jahre bis Jahrzehnte zirkuliert haben, von Hand zu Hand, von Lektüre zu Lektüre.
Und aus diesen Büchern nimmt sie Textabschnitte, Sätze und findet ihren Aufenthalt
in der Gegend des Literarischen. Es ist ihre subjektive Auswahl aus einer Masse
an makulierten Büchern, die in einem Flohmarkt zum Verkauf angeboten waren.
Sie sind Indizien für die Interessen der Künstlerin.
Das Buch als Gegend und Bereich der einen überall umgeben kann.
 
Das Makulieren hat seinen Wortursprung in dem lateinischen Wort "macula", der Fleck,
"maculatura", das befleckte Ding und Judith Fischer begibt sich fotografisch auf die Suche
nach Flecken in Judenburg, Flecken aus denen auf eine unheimliche Art und Weise Gesichter
oder Szenen auftauchen, erkennbar werden. Oder auch nicht. All diese Flecken findet sie vor.
Sie wählt sie aus unter vielen möglichen Flecken. Sie begegnen ihr, erkennt sie in verlassenen
Häusern, Mauern, auf dem Boden von öffentlichen Räumen, im Draußen.
Es sind Dokumentationen von Spuren, Abnutzungen durch Gebrauch.
Es ist die Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart. Vielleicht.
(...)
Es ist die Verbundenheit oder die Verbindungen, die mehr und mehr im Zentrum
der literarischen und fotografischen Arbeiten von Judith Fischer stehen.
Das kann die Fusion sein: wie in einer Serie von Fotografien (LIGHT_READING, 2012),
in denen das fragmentierte Sujet einer lesenden Frau den Lichtverhältnissen in einem
Haus ausgesetzt wird, erneut fotografiert und so seinen Ort in sich aufgenommen hat.
(...)
Dieses fundamentale Verbundensein, um nicht zu sagen
die imaginäre Innigkeit von Bildern und Texten.
Ist das Bild nicht ein Text?
Ist der Text nicht ein Bild?
(...)
Judith Fischer ist auch die handschriftliche Schreiberin
ihrer literarischen Fundstücke aus den makulierten Büchern, die sie, als hätte sie
Juwelen in Gestein gefunden, sammelt, archiviert und auf Karteikarten
überträgt und an gehäkelten Schüren hängend präsentiert.
(...)
Etwas finden in der Wortwelt eines Buches, eine Stimmung, einen Satz,
die synästhetische Erinnerung an einen Ort, ein Zuhause, eine Handlung
oder der Hinweis auf andere Lesende.
(...)
Es sind Bücher voller Gegenden und Zimmer,
Häuser und Kindheiten - die Lektüre ist der Aufenthalt
in einer Welt aus Referenzen, einer symbolischen Welt,
die die Fähigkeit voraussetzt, etwas ins sich affizieren zu lassen.
Eine seltsame Form der Autonomie wie sie Kunst sozusagen einüben hilft.
(...)
Was sich verbirgt in diesem Arrangement ist der immense Arbeitsaufwand,
die Stunden und Tage der Lektüre auf der Suche
nach den einzelnen Sätzen, aber auch beim Puzzlen, etc.
(...)
Ich würde das, was die Arbeit von Judith Fischer auszeichnet, "poetische Kompetenz" nennen.
Diese "poetische Kompetenz" ist seismografische Arbeit - wann tritt eine kleine Erschütterung
ein bei der Lektüre? Wann will die Künstlerin sich etwas notieren, etwas fotografieren, etc.
(...)
Es bleibt die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden, es bleibt die Frage
des Sammelns und des Hortens - den ein HORT wird geschaffen, eine Versammlung,
ein Ort in all seiner Durchlässigkeit und seinem ephemeren Charakter.
Der Ort kann überall aufgeschlagen werden, da er immer schon in der Fremde existiert.
(...)
So ist es eine Frage der Leichtigkeit,
die nach der körperlichen Anwesenheit in der Handschrift,
der Zeit als Dauer und Versunkenheit.
(...)
Weiters:
Das Unheimliche der Zeit und des Ortes
Licht Augen das Visuelle die Natur
Menschen Empfindungen Traumata Geisterhäuser Spuk
Übertragungen die Sterne der Blick
(...)
ZUHÖREN und HINSCHAUEN
(...)
mögliche Zustände
potentielle Wesenheiten
projektive Identifizierung
eine Vielstimmigkeit
(...)
geistige Nahrung
Selbstreferentialität
poetische Resistance

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